An der Entlastung des Zugpersonals führt kein Weg vorbei

gdlVerbindliche Arbeitszeitregelungen bei der Deutschen Bahn sind absolut notwendig, weil das Zugpersonal ansonsten schlicht überlastet wird.

Mit diesen Worten kommentierte der Bundesvorsitzende der Gewerkschaft Deutscher Lokomotivführer (GDL) Claus Weselsky das umfangreiche Schreiben des Personalvorstands der Deutschen Bahn Ulrich Weber zur Tarifrunde 2016 an die GDL, das gleichzeitig auch an die Presse ging. Auch sonst ließ Weber in den Medien nichts anbrennen und verlangte gleich eine „Mäßigung der Tarifvertragsparteien und einen maßvollen Umgang mit dem zarten Pflänzchen Sanierungsprogramm ZuBa“.

Das Maß ist voll
„Hier klafft eine deutliche Lücke in der Wahrnehmung“, so Weselsky. „Wo der Vorstand völlig abgehoben von ‚Mäßigung‘ redet, kommen die Mitarbeiter angesichts der realen Arbeitsverhältnisse zu einem ganz anderen Schluss, nämlich ‚Das Maß ist voll‘. Statt die Realität zu leugnen, ist in Wahrheit die Anerkennung des Ist-Zustandes und schnelles Handeln zwingend erforderlich.“ Im Übrigen habe die DB offenbar nichts aus der zurückliegenden Tarifrunde gelernt: „Durch Briefwechsel, die oft bemerkenswert schnell den Weg in die Medien fanden, ist noch keine Tarifverhandlung erfolgreich beendet worden“ so Weselsky. „Natürlich ist der Austausch von Meinungen wichtig, und die argumentative Untersetzung unserer Forderungen fällt uns nicht schwer. Doch die dringend erforderlichen Lösungen sind nur in den Verhandlungen zu finden.“

Von vorne: Auf zwei Seiten beschrieb der Personalvorstand zunächst die schwierige Lage des DB-Konzerns und den Willen zur besseren Kundenorientierung. Hingegen jubelte die DB noch in ihrer Bilanzpressekonferenz im Juli noch: mehr als eine Milliarde Euro Gewinn (plus 13 Prozent), mehr Fahrgäste, mehr Umsatz.

Mit Entlastung hat der Überstundenabbau so viel zu tun, wie ein Eisbär mit der Wüste
Zum Kernpunkt kam der Personalvorstand erst auf Seite 3: Hier behauptete er: „Beim Thema Arbeitszeit und Abbau der über Jahre angesammelten Überstunden halten wir Wort und kommen nachprüfbar voran. Wir schmelzen das angesammelte Stundenpolster, wie vereinbart, ab.“ „Das stimmt zweifelsohne auf geduldigem Papier – und das muss es auch, weil wir das tarifvertraglich festgeschrieben haben: ab 80 Überstunden im Jahr ist Schluss“, so der Bundesvorsitzende. Der überwiegende Teil der Überstunden wurde jedoch ausgezahlt oder ist im Langzeitkonto verschwunden. Zum punktuellen Ausgleich wurde das Zugpersonal zwar in kürzeren Schichten eingeteilt. Zusätzliche freie Tage und somit echten Freizeitausgleich gab es jedoch kaum. Im Gegenteil: Die rund 5 700 Zugbegleiter im Fernverkehr müssen sogar noch mehr Überstunden leisten. Selbst wenn die zirka 33 600 ausbezahlten Überstunden und die Übertragung von 34 600 Stunden in die Langzeitkonten abgezogen werden, steigen die Überstunden weiter auf rund 18 600 Stunden an. Es fehlen somit um die 150 Zugbegleiter im Fernverkehr. Weselsky: „Mit der Entlastung des Zugpersonals hat der von der DB bezeichnete Überstundenabbau somit so viel zu tun, wie ein Eisbär mit der Wüste.“

Ausbeutung unter dem Deckmantel mehr Beteiligung und Selbstbestimmung
Ungeachtet der Belastung sieht die DB beim Thema Arbeitszeit noch viel Einsparpotenzial. Unter dem Deckmantel mehr Beteiligung und Selbstbestimmung der Arbeitnehmer bei der Dienstplangestaltung will sie der GDL die Deregulierung der Arbeitszeit- und Ruhezeitregelungen schmackhaft machen. Die Regelungsdichte hat allerdings ihren Grund. Sie verhindert schlicht die Ausbeutung des Zugpersonals. Das überlastete Zugpersonal benötigt verlässlich planbare Freizeit. Das ist deshalb eine der Kernforderungen der GDL unter dem Motto „Mehr Plan, mehr Leben“. Selbst zwei zusammenhängende freie Tage in zwei Wochen sind ein Riesenproblem. Weselsky: „Wenn die DB die massiven Arbeitszeitprobleme nicht in den Griff bekommt, wird sie auch nicht mehr genügend junge Leute finden, die Lokomotivführer oder Zugbegleiter werden wollen.“
An der Entlastung des Zugpersonals führt somit kein Weg vorbei! Außerdem sollte die DB damit aufhören, jeden Tag hinauszuposaunen, dass sie die Lokomotivführer abschaffen und stattdessen autonome Züge fahren will.

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