Kritik an Reform der Spitzensportförderung

logo-brdDas vom Deutschen Olympischen Sportbund (DOSB) und dem Bundesinnenministerium (BMI) erarbeitete Konzept zur Reform der Spitzensportförderung stößt bei Experten auf Kritik. Das wurde während einer öffentlichen Anhörung des Sportausschusses deutlich.

Insbesondere die Idee, in Zukunft mittels des perspektivischen Berechnungsmodells „PotAS“ (Potenzialanalysesystem) die Potenziale für die jeweils kommenden vier bis acht Jahre zu ermitteln und diese zur Ausgangsbasis der dann folgenden Förderentscheidungen zu machen, wurde von Athleten, Wissenschaftlern und Verbandsvertretern skeptisch gesehen.

Sie könne sich nicht vorstellen, wie ein Computer die Entwicklung eines Athleten vorherbestimmen soll, sagte die Kanutin Franziska Weber, Silbermedaillengewinnerin bei den Olympischen Spielen 2016. Wichtig für sie und ihre sportliche Entwicklung seien die Trainer gewesen, sagte Weber. Diese müssten eine wissenschaftliche Ausbildung erhalten und eine bessere Bezahlung, damit sich der Job für sie auch finanziell lohnt, forderte die Sportlerin.

Er teile die Zweifel an der Aussagekraft von PotAS, sagte Frank Hensel, Generaldirektor des Deutschen Leichtathletik-Verbandes (DLV). Aus eigener Erfahrung wisse er, dass die Entwicklung von Sportlern nicht vorhersehbar sei. Grundsätzlich sei er jedoch froh, dass sich im Fördersystem etwas tue. „Alle wollen den sportlichen Erfolg“, so der DLV-Vertreter. Die Frage sei aber, wie dieser definiert werde. Die Forderung nach mehr Medaillen ist seiner Ansicht nach nicht ausreichend.

Wenn man die Menge der Medaillen zum obersten Ziel der Sportpolitik mache, „landet man in einer unerfreulichen Nachbarschaft“, warnte Professor Gunter Gebauer von der Freien Universität Berlin. Für eine Kulturnation wie Deutschland sei nicht die schiere Zahl an Medaillen von Wert, sondern Athleten, die die Sportarten überzeugend vertreten, befand der Philosoph und Sportwissenschaftler. Mit Blick auf PotAS sagte Gebauer, anstelle eines solchen „vorgespielt objektiven Systems“ müsse man andere Möglichkeiten in Betracht ziehen, „um Talent und Zukunft zu evaluieren“.

„Es gibt einen guten Prediktor für den zukünftigen Erfolg und das ist der jetzige Erfolg“, sagte Professor Wolfgang Maennig von der Universität Hamburg. Nicht die retrospektive Betrachtung bei der Spitzensportförderung sei falsch gewesen, sondern die Art der Retrospektive, urteilte der Wirtschaftswissenschaftler und ehemalige Ruder-Olympiasieger. Richtig sei eine graduelle Abstufung der Verbände, die schlecht gearbeitet hätten. Maennig wandte sich auch gegen die Argumentation, wer nicht umfangreich gefördert wird, kann nicht erfolgreich sei. Richtig sei, dass „im Interesse der Athleten“ bei falschen Strukturen den Verbänden die Gelder gekürzt werden müssten.

Auch der DOSB ist laut seines Präsidenten Alfons Hörmann skeptisch, inwieweit sich anhand eines analytischen Tools berechnen lässt, welche Erfolge möglich sind. PotAS sei ein „nennenswerter Wunsch des BMI gewesen“, betonte Hörmann. Der DOSB habe nichts dagegen, eine solche Analytik zum Einstieg anzuwenden für die dann wesentlichen Strukturgespräche und Fördergespräche.

Gerhard Böhm, Abteilungsleiter Sport im BMI, wandte sich gegen die Einschätzung, das BMI habe die Reformplanungen dominiert. Es handle sich um einen gemeinsam entwickelten Entwurf, so Böhm. In diesen würden nun auch die Erkenntnisse der Anhörung ebenso einfließen, wie die Ergebnisse der Mitgliederbefragung des DOSB.

Die Richtlinienkompetenz der Spitzenverbände ist aus Sicht von Harry Bähr, Leiter des Olympiastützpunktes (OSP) Berlin, ein entscheidender Punkt bei der Neustrukturierung des Leistungssportsystems. Ein Schwerpunkt müsse dabei die Talentsichtung sowie die Ausbildung und Bezahlung von Trainern sein. Was die Olympiastützpunkte angeht, so machte der OSP-Leiter deutlich, dass bei einer Neustrukturierung die bisherige Betreuungsqualität für die Athleten und Trainer erhalten bleiben müsse.

Das Fehlen einer echten Vision von Gleichstellung und Inklusion in der Spitzensportförderung sei ein Konstruktionsfehler des Konzepts, sagte Michael Teuber, Goldmedaillengewinner bei den Paralympics 2016 im Radsport. „So wird letztlich die Differenzierung, die ich seit Jahren erlebe, für mindestens 10 weitere Jahre fortgeschrieben“, kritisierte er. Dies verhindere unter anderem eine adäquate Anerkennung für den paralympischen Sport.

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