Brauchen wir überhaupt einen neuen „Bahnchef“?

gdlDie GDL plädiert zusammen mit sieben Kennern der Deutschen Bahn in einem offenen Brief dafür, dass der Aufsichtsrat der DB AG keinen direkten Nachfolger für den ehemaligen Vorstandsvorsitzenden Rüdiger Grube bestellt.

Vielmehr sollten zwei Manager eingesetzt werden: einer für die gesamte Infrastruktur und einer für die Verkehrsleistungen. Mit einer klaren Aufgabenteilung könnten sie das System Eisenbahn unbelastet von vermeintlichen Gesamtkonzerninteressen weiterentwickeln und verbessern:

Brauchen wir überhaupt einen neuen „Bahnchef“?

Nach dem aus externer Sichtweise überraschenden Rücktritt von Dr. Rüdiger Grube als
Vorstandsvorsitzender der Deutschen Bahn AG sollte nicht eine hektische Suche nach einem
Nachfolger in dessen früherer Funktion einsetzen, sondern erst einmal Nachdenken angesagt sein. In
der DB AG sind zwei grundverschiedene Unternehmen vereinigt: Einerseits die
Infrastrukturunternehmen für die Gleise und die übrige Infrastruktur, welche ihre Leistungen
gegenüber den Verkehrsunternehmen erbringen und ein natürliches Monopol der Infrastruktur im
Staatsauftrag betreiben, und andererseits die Verkehrsunternehmen, die ihre Leistungen den Kunden
und Bestellern im Wettbewerb mit konkurrierenden Eisenbahnverkehrsunternehmen anbieten.
Bislang bildeten die beiden Vorstände für Infrastruktur und Verkehrsbereiche zusammen mit den
Vorständen für Personal und Finanzen den Konzernvorstand, dem ein „Bahnchef“ als
Vorstandsvorsitzender vorstand. Die Unterzeichner dieses Schreibens wünschen sich aus dem
Blickwinkel von Kunden der DB eine Organisation, die sich an den heterogenen Aufgaben der DB AG
orientiert:
Die derzeitige Situation, dass der Finanzvorstand den Vorsitz im Konzernvorstand innehat, kann
durchaus ein sinnvoller Übergangszustand sein, bis eine Konzernstruktur gefunden ist, die auf Dauer
tragfähig und sinnvoll ist. Sowohl der Infrastrukturbereich als auch die Verkehrsunternehmen der DB
liegen in den Händen von verantwortlichen Vorstandsmitgliedern; diese Funktionen sollten gestärkt
und besser auf die jeweiligen Bedürfnisse ihrer jeweiligen Kundengruppen ausgerichtet werden. Beide
Bereiche sollen ihre in der Grundkonzeption bereits sehr unterschiedlichen Aufgaben erfüllen und
ihren jeweiligen Kunden verpflichtet sein. Der Infrastruktur sind dabei alle Bereiche zuzuordnen, die
Leistungen für alle Verkehrsunternehmen und nicht nur für DB-Verkehrsunternehmen erbringen. Dazu
gehört auch das Projekt „Zukunft Bahn“, mit dem die Weiterentwicklung und Verbesserung des
Systems der Eisenbahn in Deutschland erreicht werden soll. Eine solche Struktur würde es auch dem
Eigentümer, also dem Bund, erleichtern, seine verkehrspolitischen Ziele durchzusetzen und die DB
besser zu kontrollieren.
Ein neuer Bahnchef in der alten Struktur würde es erneut schwer haben, im deutschen und
europäischen Regulierungsrahmen des Eisenbahnverkehrs allen grundverschiedenen Anforderungen
nachzukommen und die überzogenen Erwartungen zu erfüllen. Also sollte diese Position zunächst
nicht nachbesetzt werden, vielmehr sollten zwei Bahn-Manager mit klarem Auftrag, einmal für die
Infrastruktur und zum anderen für die Verkehrsleistungen, gestärkt und unbelastet von vermeintlichen
Gesamtkonzerninteressen an die Arbeit gehen.

Reinhold Dellmann
Verkehrsminister Land Brandenburg a.D.

Ludolf Kerkeling
Netzwerk Europäischer Eisenbahnen

Hans Leister
Zukunftswerkstatt
Schienenverkehr

Wolfgang Meyer
Geschäftsführer
Linearis Gmbh

Prof. Dr. Kay Mitusch
Karlsruher Institut für Technologie (KIT)
Netzwerkökonomie

Detlef Neuß
Bundesvorsitzender
Fahrgastverband Pro Bahn

Christian Schreyer
Geschäftsführer
Transdev GmbH

Claus Weselsky
Bundesvorsitzender Gewerkschaft Deutscher Lokomotivführer (GDL)

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