Totenbuch führt Grenzschicksale vor Augen

Studie des Forschungsverbunds SED-Staat

Der Forschungsverbund SED-Staat hat die Ergebnisse seines Dokumentationsprojekts „Die Todesopfer
des DDR-Grenzregimes an der innerdeutschen Grenze“ vorgestellt. „Es ist ein Bild, das von der
Gnadenlosigkeit der SED-Diktatur erzählt“, erklärte Kulturstaatsministerin Grütters.

Lange Zeit gab es Unklarheit darüber, wie viele Menschen der innerdeutschen Grenze tatsächlich zum
Opfer gefallen sind. Nun hat der Forschungsverbund SED-Staat der Freien Universität Berlin eine
Studie über Opferschicksale an der ehemaligen Grenze herausgegeben.
Geschichte aufarbeiten für eine demokratische Zukunft
Knapp fünf Jahre lang haben die Forscher die einzelnen Todesfälle untersucht. Wie bedeutend die
wissenschaftliche Aufarbeitung der DDR-Geschichte für die Erinnerungskultur in der Bundesrepublik
Deutschland ist, erklärte Grütters bei der Vorstellung der Studienergebnisse in der Berliner
Mauer-Gedenkstätte an der Bernauer Straße: „Wir stehen in der Verantwortung für eine demokratische
Zukunft. Denn die Freiheit braucht auch dort Verteidiger, wo die Selbstentfaltung nicht an Mauern,
Stacheldraht und Minenfeldern endet.“
Die Publikation zeichne Lebensgeschichten derer nach, die den Versuch, die Unfreiheit hinter sich
zu lassen, mit dem Leben bezahlt hätten, so die Staatsministerin. „Mögen die darin dokumentierten
Schicksale Gehör finden und vermitteln, wie hart erkämpft die Freiheit ist – und dass es sich immer
wieder dafür zu kämpfen lohnt!“
Lebens- und Leidensgeschichten vor dem Vergessen bewahren
Das sogenannte „Totenbuch II“ umfasst 327 Biografien von Todesopfern aus dem ehemaligen Ost- und
Westdeutschland, denen das DDR-Regime zum Verhängnis wurde. Ausführlich schildern die Autoren die
jeweiligen Lebensumstände, Flucht- und Todesursachen der Grenzopfer. Doch nicht nur Opfer mit
Fluchtabsicht zählt das Buch zu den Grenztoten. Es erzählt auch von Zivilpersonen, die der
deutsch-deutschen Grenze aus ganz anderen Gründen zum Opfer fielen. Schicksale von Soldaten, die
sich aus Verzweiflung über die rigide Order der Nationalen Volksarmee das Leben nahmen, finden sich
ebenfalls unter den Biografien.
Das Totenbuch II knüpft an die im Jahr 2009 herausgegebene Studie „Die Todesopfer an der Berliner
Mauer 1961 – 1989“, genannt „Totenbuch I“, des Zentrums für Zeithistorische Forschung Potsdam und
der Gedenkstätte Berliner Mauer an. Das im In- und Ausland viel beachtete Handbuch wurde
vollständig aus dem Etat der Kulturstaatsministerin finanziert. Die nun veröffentlichte Fortsetzung
widmet sich ergänzend den Schicksalen der Opfer an der gesamten Westgrenze der ehemaligen DDR.
Die Spannbreite an Biografien ist groß. Emanuel Holzhauer ist das jüngste unter den recherchierten
Opfern. Er war keine sechs Monate alt, als er bei der Flucht mit seinen Eltern umkam. Im Kofferraum
des Fluchtwagens erlitt er auf der Autobahn vor dem DDR-Grenzübergang Marienborn, von
Beruhigungsmitteln und Hitze geschwächt, den Erstickungstod. Ernst Wolter ist das älteste Opfer.
Qualvoll verblutete er im Alter von 81 Jahren an schweren Verletzungen, nachdem er versehentlich in
ein Minenfeld geraten war. Es sind solche Einzelschicksale, die das Leid der ehemaligen
deutsch-deutschen Teilung veranschaulichen.
Verantwortungsvoller Umgang mit dem schweren historischen Erbe
Das Wissen um die repressive DDR-Diktatur und deren Folgen gehört zum historischen Erbe
Deutschlands, das nicht dem Vergessen anheim fallen darf. Die Studienergebnisse sind daher ein
wichtiger Beitrag für die Aufarbeitung und Vermittlung des Wissens um die Opfer des
DDR-Grenzregimes. Gefördert wurde das Forschungsprojekt mit rund 500.000 Euro aus den Haushalten
der Staatsministerin für Kultur und Medien sowie der Länder Niedersachsen, Sachsen-Anhalt und
Hessen.

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