„Cold Cases“

WEISSER RING fordert mehr spezialisierte Ermittler und bessere Einbindung der Angehörigen

Wenn die Akten geschlossen sind und Ermittler nichts mehr tun: Bei sogenannten Cold Cases bleiben Morde oder Vermisstenfälle mit dringendem Verdacht auf ein Tötungsdelikt unaufgeklärt, der Täter kann nicht ermittelt und überführt werden. Der WEISSE RING fordert bundesweit mehr Anstrengungen seitens der Ermittlungsbehörden bei solch unaufgeklärten Kriminalfällen, um Angehörigen besser zu helfen. „Oft fühlen sich Angehörige hilflos, verzweifelt und vom Staat im Stich gelassen“, sagt Roswitha Müller-Piepenkötter, Bundesvorsitzende des WEISSEN RINGS. „Das ist nicht hinnehmbar. Der Staat muss Straftaten so effektiv wie möglich verfolgen und Angehörige so gut und behutsam wie möglich einbinden.“

Schätzungen gehen von mehreren tausend ungeklärten Morden in Deutschland aus. Ungelöste Vermisstenfälle sind hierbei nicht mit eingerechnet, die Gesamtzahl aller Cold Cases ist weit höher. Für Angehörige sind die Folgen gravierend. „Sie können die Tat nicht verarbeiten“, sagt Müller-Piepenkötter. Stattdessen seien die Angehörigen oft in einem Zustand des permanenten Wartens. Die Fragen danach, was genau passiert sei und ob das Opfer hätte leiden müssen, würden mit der Zeit immer quälender. „Wenn sie dann noch von Ermittlern zu hören bekommen, dass nichts mehr zu machen ist und dass aktuelle Fälle wichtiger sind, wird die Situation ganz und gar unerträglich“, so die Bundesvorsitzende.

Der WEISSE RING fordert die Ermittlungsbehörden der Bundesländer auf, solch ungeklärte Kriminalfälle mehr in den Fokus zu rücken. Der WEISSE RING begrüßt die diesbezüglichen Anstrengungen des Landeskriminalamtes (LKA) Hamburg. Das Hamburger LKA hat Ende 2016 eine „Cold Case Unit“ gegründet, die auch eng mit der Staatsanwaltschaft der Hansestadt zusammenarbeitet. „Nach Jahren der Stillstands bedarf es eines neuen, unverstellten Blicks“, sagt Frank-Martin Heise, Leiter des Hamburger LKA. „Mord verjährt nicht. Wir bleiben hartnäckig – auch bei Fällen, die Jahre oder gar Jahrzehnte zurückliegen. Aus den Augen? Vielleicht. Aber aus dem Sinn? Niemals!“ Die vier Ermittler der Hamburger Cold Case Unit rollen ungelöste Fälle mit neuen Methoden noch einmal auf: So nutzen sie unter anderem neueste Kriminaltechnik wie die DNA-Analyse oder die 3D-Tatortrekonstruktion. Darüber hinaus prüfen sie Zeugenaussagen, kombinieren diese neu und arbeiten dabei eng mit anderen Bereichen wie der Gerichtsmedizin zusammen.

Auch die Einbindung der Angehörigen der Opfer spielt bei der Hamburger Cold Case Unit eine große Rolle: So stehen ihnen die Ermittler als Ansprechpartner zur Verfügung und informieren über aktuelle Entwicklungen. Das Hamburger Beispiel zeige vorbildhaft, wie effektive Strafverfolgung und sensible Einbindung von Angehörigen kombiniert werden könne, sagt Müller-Piepenkötter. Aufgabe der Ermittlungsbehörden in den anderen Bundesländern sei es nun, nachzuziehen und die gleichen Standards zu etablieren. Angehörige litten ein Leben lang unter den Folgen eines Gewaltverbrechens, das vielleicht nie aufgeklärt werde. Die Arbeit des Hamburger LKA führe jedoch vor Augen, dass alles Menschenmögliche dafür getan werden könne, es nicht so weit kommen zu lassen.

Kürzlich tagten die kriminalpolizeilichen Ermittlungsbehörden der Bundesländer zum Umgang mit Cold Cases. Davor hatte eine Veranstaltung der WEISSER RING Stiftung in Hamburg auf das Problem aufmerksam gemacht. So hatten unter anderem Kriminalbeamte, Rechtsmediziner, Anwälte und Opferhelfer unaufgeklärte Kriminalfälle aus ihren jeweiligen Perspektiven beschrieben und darüber diskutiert, wie Angehörige besser betreut werden können. Initiator der Veranstaltung war Wolfgang Sielaff, ehemaliger Leiter des LKA Hamburg und Vorstandsmitglied der WEISSER RING Stiftung.

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